Amtsgericht Frankfurt am Main – 75 Jahre seit Wiedererrichtung

Nr. 11/2020

„Das Amtsgericht Frankfurt am Main wurde am 16. Juli 1945 wiedereröffnet. Wir sind stolz, dass nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges seit 75 Jahren hier demokratisch Recht gesprochen wird“ erklärte Präsident Erich Fischer anläßlich des heutigen Jahrestages.

Das Amtsgericht war noch vor der Wiedereröffnung des Landgerichts und der Neugründung des Oberlandesgerichts das erste der Frankfurter Gerichte, das nach der Befreiung der Stadt durch die Amerikaner den Geschäftsbetrieb wiederaufnahm und damit die bis heute andauernde demokratische und rechtsstaatliche Tradition der Rechtspflege in Frankfurt neu begründete.

Die Tätigkeit des Amtsgerichts Frankfurt als freies und unabhängiges Gericht endete mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Infolge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und des Reichsbürgergesetzes wurden mehrere „nichtarische“ oder als „politisch“ unzuverlässig angesehene Richter aus dem Dienst entfernt; Opportunisten und überzeugte Nationalsozialisten übernahmen deren Stellung und machten in der Justiz Karriere. Der Zerstörung von innen heraus folgten Kriegszerstörungen durch mehrere alliierte Luftangriffe mit Volltreffern auf alle Gebäude in den Jahren 1943/1944.

Teile des Gebäudes waren danach einsturzgefährdet und die Zentralheizung fiel im letzten Kriegswinter aus. Zudem waren viele Richter und Angestellte an der Front. Nicht „kriegsdringliche“ Rechtsstreitigkeiten sollten zurückgestellt werden.

Aufgrund der „Proklamation Nr. 1“ General Eisenhowers wurden mit der Befreiung der Stadt am 29.03.1945 alle Gerichte geschlossen. Gleichzeitig kam das „Gesetz Nr. 2“ der Militärregierung zur Geltung, das die formelle Schließung aller Gerichte und den Entzug ihrer Amtsgewalt verfügte, bis sie zur Wiederaufnahme der Tätigkeit durch schriftliche Anweisung der Militärregierung ermächtigt würden. Kein Richter durfte ohne Genehmigung der Militärregierung weiter in dieser Funktion tätig werden.

In dieser Phase im April 1945 wurde unbelasteten Frankfurter Richtern und Anwälten die Aufgabe zugewiesen worden, in einem städtischen Untersuchungsausschuss zur Überprüfung der Belastung der Frankfurter Justizjuristen mitzuarbeiten, dessen Vorsitz der spätere Landgerichtspräsident Johannes Becker innehatte.

Unter schwierigen äußeren Bedingungen wurde die schnelle Öffnung des Frankfurter Amtsgerichts betrieben. Am 09.07.1945 wurde Dr. Leo Graf Lanckorónski  von der amerikanischen Militärverwaltung zum Präsidenten des Amtsgerichts bestellt und vereidigt. Der 61jährige Lanckorónski entstammte einer hochadeligen schlesischen Magnatenfamilie und hatte neben seiner juristischen Qualifikation und seiner fehlenden NS-Belastung vielfältige, auch international beachtete Publikationen in verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen vorzuweisen. Er war 1937 als Amtsgerichtsrat in Frankfurt auf Betreiben des seit 1933 amtierenden Frankfurter Oberlandesgerichtspräsidenten Stadelmann in den zwangsweisen Ruhestand versetzt worden. Ausschlaggebend hierfür war seine Ehe mit der „halbjüdischen“ Bankierstochter Maria Wertheimer, die mütterlicher-seits der bekannten Frankfurter Familie Du Bary entstammte, gewesen.

Dr.-Leo-Graf-Lanckorónski
Dr.-Leo-Graf-Lanckorónski

Die feierliche Wiedereröffnung des Amtsgerichts, bei der weitere sieben Richter, drei Staatsanwälte und 35 Notare und Rechtsanwälte (darunter auch sieben Frauen) ihren Amtseid leisteten, fand am 16.07.1945 um 14.30 Uhr in Gegenwart des Stadtkommandanten der US-Armee, Oberstleutnant Robert K. Phelps statt, der in seiner Eröffnungsansprache vor großem Publikum betonte, dass sich die Stärke einer Rechtspflege in dem Vertrauen widerspiegele, das ihr die menschliche Gesellschaft entgegenbringe. Mit dem Personalbestand von nunmehr acht Richtern, drei Staatsanwälten und 156 weiteren Bediensteten nahm das Amtsgericht den Betrieb auf und erledigte schon in den ersten Wochen eine beachtliche Zahl an Verfahren. Die Militärverwaltung bescheinigte in diesem Zusammenhang den Justizangehörigen beeindruckende Ernsthaftigkeit, Befähigung und Anstrengungen bei dem Versuch die Dienstgeschäfte unter äußerst schwierigen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

„Es ist somit auch den Anstrengungen dieser Anfangszeit zu verdanken, dass sich das Amtsgericht Frankfurt am Main mit heute etwa 1.000 Bediensteten (davon etwa 140 Rich-ter/innen) zur mit Abstand größten Justizbehörde in Hessen und zum drittgrößten Amtsgericht in der Bundesrepublik Deutschland entwickeln konnte“ erklärte Präsident Fischer.

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